Engelsgesang
eine Weihnachtsgeschichte von Joe Beine
Dublin City erstarrte vor Kälte. Das war das Erste, was Mally wahrnahm, als sie aus dem St.-Stephen’s-Green-Einkaufszentrum in die abebbende Weihnachtshektik der Grafton Street hinaustrat. Es war viel kälter, als sie erwartet hatte, besonders nachdem sie fast den ganzen Tag damit zugebracht hatte, mit ihrem Streichquartett Weihnachtslieder in der warmen Halle des Einkaufszentrums zu spielen.
Und der Kontrast zwischen der Wärme drinnen und der Kälte draußen offenbarte sich ihr mit einer Unmittelbarkeit, die sie nicht erwartet hatte. Mally war froh, dass ihre Mutter darauf bestanden hatte, dass sie sich einen alten Schal von ihr lieh und heute zusätzliche Winterkleidung trug.
Sie passierte St. Stephen’s Green und presste den Geigenkoffer fest an ihre Brust, als ob sie damit die Kälte abwehren könnte. Der sich seinem Ende zuneigende Tag fiel über das verstaubte Gras und über die Bäume des Greens wie Ruß oder Schnee, obwohl heute gar kein Schnee gefallen war. Mally ging in Richtung DART-Station in der Pearse Street, um die Bahn nach Hause zu nehmen, und sie überlegte sich, absichtlich einen kleinen Umweg zu machen, um diesen Teil Dublins in seinem Winterschmuck sehen zu können. Alles um sie herum knisterte und glänzte, und vor allem die Pubs schienen gemütlich warm und laut zu sein. Nur Dublins Innenstadt blieb weiter wie erstarrt.

Eine Weihnachtsgeschichte ...
Mally warf ein Ende des Schals ihrer Mutter über die Schulter und zog es dann nach vorne herunter unter ihr Kinn. Ihr Gesicht, das in der Kälte immer roter wurde, war übersät mit Sommersprossen. In ihren blassen Augen schimmerte Aufregung, was ihren Blick gleichzeitig neugierig und desinteressiert werden ließ. Strähnen dichten rotblonden Haares kämpften mit ihrem Schal, als wären sie sich unsicher, ob sie sich in ihm verstecken oder offen über ihn hinweg fallen sollten. Mally entschied, dass ihr der Schal gefiel, und fragte sich, ob sie ihn wohl behalten durfte.
In Merrion Row rückte sich plötzlich ein Gesicht in ihr Blickfeld, das zerfurcht war von Falten und voller Flecken. Zwischen dünnen Lippen schossen schnelle Worte hervor, worauf sie erschrak.
„Für ’n Pfund sing’ ich dir ’n Weihnachtslied“, sagten die Lippen.
Das zerfurchte Gesicht gehörte einer Frau unbestimmbaren Alters – sie hätte dreißig, fünfzig oder auch noch älter sein können, Mally konnte es nicht sagen. Sie trug die abgenutzte, schmutzige Kleidung der Obdachlosen Dublins. Sie roch, als hätte sie gerade im Liffey gebadet, und neben der ruppigen Stimme – eine tiefes, unheimliches Dubliner Knurren – war dieser Flussgeruch das Erste, was Mally aufgefallen war. Aber, wie alles andere an diesem Abend, war es ein erstarrter Geruch, abgestanden, trotzdem beißend, wie alter, schlecht gewordener Cheddar.
„Ich habe kein Pfund, das ich Ihnen geben kann“, antwortete Mally, die sich nicht wirklich sicher war, wie viel Geld sie dabei hatte, obwohl sie wusste, dass es nicht viel war. Die Leute vom Einkaufszentrum hatten jeden der Musiker mit einem Scheck bezahlt, und Moira, die Cellistin und Mallys beste Freundin, hatte darauf bestanden, dass alles Trinkgeld für wohltätige Zwecke gespendet würde.
„’S ist Heiligabend“, sagte das schmutzige Gesicht, das sein Gegenüber durch Augen anstarrte, die zum dumpfen Grau des Abendhimmels passten. Aber Mally glaubte, irgendwo versteckt in diesen undurchsichtigen Augen den Hauch eines Glitzerns sehen zu können.
„Ich weiß“, antwortete sie. Mittlerweile hatte sie angehalten und war neben der Frau stehengeblieben, der die eisige Abendluft auf wundersame Weise nichts auszumachen schien. Mally nahm ihren Geigenkoffer in die eine Hand, zog den Handschuh der anderen aus und suchte in ihrer Manteltasche nach Kleingeld. Sie fand die wahrscheinlich einzige Pfundmünze, die sie dabei hatte, und klaubte sie hervor. Der winzige Funke in den Augen der Frau leuchtete auf beim Anblick des angelaufenen Geldstücks, und blitzschnell streckte sie die Hand aus, um sie Mally zwischen den Fingern zu entreißen.
„Oh nein“, sagte Mally, als sie ihre Hand wegzog, „erst das Weihnachtslied.“
„Traust mir wohl nicht, was?“
„Warum sollte ich?“, entgegnete Mally.
„Na, kann’s dir ja nicht übelnehmen“, sagte die Frau. „Welches Lied willste ’n hör’n?“
„Suchen Sie eins aus“, antwortete Mally.
„Okay.“ Die Frau trat einen Schritt zurück, räusperte sich lautstark und begann zu singen:
„It came upon a midnight clear
That glorious song of old …“
Mally war überrascht, wie sanft und klar die Stimme der Frau klang. Sie hatte dasselbe tiefe Knurren erwartet wie beim Sprechen, stattdessen vernahm sie nun fast das Gegenteil davon.
„From angels bending near the earth
To touch their harps of gold.“
Es war ein Lied, dass Mally heute mehr als einmal mit dem Streichquartett gespielt hatte, eines ihrer Lieblingsstücke. Aber jetzt hörte es sich ganz anders für sie an, a capella gesungen, an diesem eisigen Heiligabend, von einer Fremden in stinkigen, graubraunen Kleidern.
„Peace on the earth
Good will to men …“

Während sie sang, ...
Während sie sang, hatte die Frau fast zu leuchten begonnen, trat förmlich heraus aus dem ausgemergelten Erscheinungsbild, das sie abgab. Ihre klagende Stimme übertönte das Rauschen des schleppend vorüberziehenden Verkehrs. Mally kannte das Lied auswendig, kannte jede Note, jeden Griff auf der Geige. Sie konnte es spielen, ohne auf die Noten zu sehen. Und meistens hörte sie den Text in ihrem Kopf, wenn sie es spielte.
Nachdem die Frau zwei Strophen gesungen hatte, hielt sie inne, und der Verkehrslärm konnte sich wieder ein wenig durchsetzen, aber das fiel Mally kaum auf. Sie gab der Frau die Pfundmünze in ihrer Hand und realisierte im selben Augenblick, dass sie vermutlich gerade ihr Geld für die Heimfahrt weggegeben hatte. Die Frau nahm die Münze mit hungrig blitzenden Augen, und Mally beschloss, dass ein paar Meilen durch die Kälte zu wandern bis zu ihrem Zuhause in Sandymount, ein vergleichsweise kleines Opfer war im Verhältnis zum Hunger, den die Frau haben musste. Aber was konnte sie sich von einem Pfund schon kaufen? Eine Tasse Tee mit Toast?
Die Frau sagte: „Ich dank’ dir, junges Ding“, und neu erwachte Begierde schwang in ihrer Stimme, die das abgenutzte Grummeln ersetzte.
„Das war ein schönes Lied“, erwiderte Mally. „Danke.“
„Bist du Musikerin?“, fragte die Frau mit einem Seitenblick auf Mallys Geigenkoffer.
„Ja. ich spiele in einem Streichquartett.“
„Straßenmusik?“
„Meistens, ja.“
„Dann sind wir uns ja ähnlich, du und ich“, sagte sie.
Mally starrte sie einen Moment lang an. Ein zerfledderter Schal hing um ihren Hals, umgeben von schmutzigen Haarsträhnen. Wo die Frau wohl schlief?, fragte sie sich.
„Wie alt bist du, Kind?“, fragte diese.
„Fünfzehn.“
„Zu jung, um in so ’ner kalten Nacht Straßenmusik zu machen.“
„Ich hab’ im Einkaufszentrum gespielt.“, sagte Mally.
„Ah. Ist wohl warm dort?“
„Ja.“
„Vielleicht schleich’ ich mich mal rein für ’n Moment.“
„Die werden Sie vermutlich gleich wieder rausschmeißen. Die machen früh zu.“
„Werd’s drauf ankommen lassen.“
Sie starrte Mally einen Augenblick lang an. Der Hauch eines Lächelns tanzte über das faltige Gesicht. „Frohe Weihnachten, Kind“, sagte sie und ging dann in Richtung des Greens, vielleicht um sich doch noch ein Weihnachtsessen zusammenzusingen.
Mally beobachtete, wie sie geräuschvoll die Straße hinabtrottete, während die Dämmerung sich mehr und mehr um sie herum schloss. Schließlich schlug Mally die entgegengesetzte Richtung ein, nach Hause. In Upper Baggot Street sah sie in einem Fenster eine Kerze brennen und realisierte, dass sie spät an war, um die traditionelle Kerze auch in ihrem Fenster anzuzünden. Und zu spät zum Abendessen würde sie auch kommen. Ihre Mutter würde garantiert schimpfen, wenn sie den Grund dafür erfuhr: „Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass du dich von Bettlern fernhalten sollst, Malvina?“, hörte sie die Stimme ihrer Mutter in ihrem Kopf. Aber Mally war das egal. Und sie störte auch nicht der lange, kalte Weg nach Hause. Denn das Lied der obdachlosen Frau ließ Dublin an diesem eisigen Weihnachtsabend ein bisschen weniger erstarrt wirken.
„Engelsgesang“ ist ein Auszug aus dem Buch Paper Angels – Christmas Stories
Text: Joe Beine
Illustrationen: Susan Ebertowski
Weitere Informationen auf http://midnightclear.home.att.net
Joe Beine lebt in Denver, Colorado. Seine Interessen sind Fotografieren, Ahnenforschung, Geschichten schreiben, Musik und Reisen. Als er eines Tages die Grafton Street in Dublin entlangging, beobachtete er eine junge Frau, die Geige spielte. In ihren Augen spiegelten sich Geschichten der irischen Sagenwelt. Beine glaubt, dass man den Zauber in der Welt in den Gesichtern seiner Mitmenschen finden kann. Einige dieser Gesichter leiht er den Figuren seiner Erzählungen.
Susan Ebertowski lebt in Minneapolis, Minnesota und arbeitet als Modedesignerin und Künstlerin. Ihren Designs begegnet man in vielen amerikanischen Kaufhäusern. In ihrer Freizeit malt sie gern Aquarelle.
Zurück zur Übersicht: Entdecke Irland
… oder vielleicht besuchen Sie auch einmal das große Forum für Irland oder
unser spannendes Irlandlexikon.
Auch ein Besuch der interessanten Webseite Irland Links können wir Ihnen an dieser Stelle empfehlen.
Für die Planung von Irlandreisen sind Sie in unserem irish-net Travel Center richtig.